zur Kata, von Sven

Die Kata (形 dt. Form, Stil, Haltung oder speziell im Karate 型 auch Vorschrift, Muster, Abdruck oder Schablone1) ist eine Übungsform im Budo, die eine festgelegte Abfolge von Techniken beschreibt, welche einen Kampf gegen einen oder mehrere Gegner simuliert. Das spezifische der Kata im Karate ist, im Gegensatz zu der Kata der traditionell japanischen Kampfkünsten wie Aikido oder Judo, die Tatsache, dass sie gegen imaginäre Gegner ausgeführt wird. Dies mag darin begründet liegen, dass Karate über Okinawa seinen Ursprung in chinesischen Kampfkunsttraditionen hat, wo dies von jeher so praktiziert wird. Diese Entwicklung läßt sich teilweise auch heute noch nachvollziehen, wie die Spuren des chinesischen Shaolin Meisters Kushanku, der Mitte des 18. Jahrhunderts mit einer Delegation nach Okinawa reiste und dort u.a. die gleichnamige Kata Kushanku in das Shorin Ryu einfließen ließ2. Ein weiterer signifikanter Unterschied ist die Tatsache, dass die Kata im Aikido wie im Judo nur erfahreneren Schülern zugänglich gemacht wird, während sie im Karate eine der ersten Übungsformen darstellt und den Karateka sein ganzes Budoleben über begleitet. Wie Habersetzer so schön schreibt; die Kata ist das Erste, womit der Anfänger im Karate beginnt, und sie ist die letzte Form der Praxis, die der Karateka im Alter ausübt.3

Jede Kata beginnt mit einer Block/Verteidigungsbewegung; dies ist ein wichtiges Merkmal, da es den Geist wiederspiegelt, indem Karate geübt werden sollte. Diesem Grundsatz folgt auch Meister Funakoshis Lehre Karate ni sente nashi, im Karate gibt es keinen ersten Angriff, der 2. Regel seiner Nijukun. Eine Kata folgt dabei einem bestimmten Schrittmuster, dem sogenannten Embusen das auf den 8 Grundrichtungen im Budo (siehe auch Abbildung) basiert. Des weiteren kommt es darauf an eine Kata möglichst fehlerfrei auszuführen, dazu gehört auch, sie im richtigen Rhythmus und mit korrekter Atmung zu üben.

Kata als Form zu übersetzen ist die einfachste und zugleich vielleicht treffenste Art der Beschreibung, denn sie beinhaltet viele mögliche Betrachtungs- und Herangehensweisen der Kata. Kata ist eine Form, eine Übungsform, eine Übertragungsform für Kampftechniken, eine Möglichkeit den eigenen Geist zu formen und im modernen Karate sogar eine Wettkampfform.

Als Übungsform ist sie Teil einer jeden Graduierungsprüfung im Karate. Das Üben der Kata schult dabei Koordination und Konzentration. Es fordert und erfordert Kondition und Präzision und hilft den ganzen Körper durchzutrainieren.

Von jeher diente die Kata auch als Überträger der Techniken des Karate. Sie war die Form in der die Techniken vom Lehrer zum Schüler weitergegeben wurden, was sicherstellte, dass niemand „Unwürdiges“ der Techniken habhaft werden konnte, aber auch dass sie eine Zeit, in der eine schriftliche Überlieferung nicht möglich war, überdauern konnten. Daher könnte man die Kata auch als die Bücher des Karate bezeichnen, sie enthalten eine Bildsprache, die im ersten Moment einfach zu lesen scheint. Doch hinter diesen offensichtlichen Bewegungen (omote) verbergen sich weitere, schwerer zu deutende, oder auch „versteckte“ Techniken (ura bzw. okuden), welche in früherer Zeit nur einem ausgewählten Kreis innerer Schüler (Uchi-Deshi) zugänglich gemacht wurden. Dies führte dazu, dass die Kata und deren Bedeutungen in unterschiedlichen Traditionen weitergegeben wurde. So gibt es heutzutage eine Vielzahl von Herangehensweisen an das Thema Kata und mannigfaltige Bestrebungen, deren ursprünglichen Sinn neu zu erschließen und zu rekonstruieren. Die Beschäftigung damit wird als Bunkai bezeichnet.

In ihren Ursprüngen war die Kata aber wohl noch mehr als nur reine Überlieferung von Kampftechniken. Um dies zu erschließen müssen wir den Blick wieder auf ihre chinesischen Wurzeln zurückrichten. Das antike chinesische Weltbild ist sehr stark von taoistischer Denkweise geprägt, indem das Prinzip der Polarität eine entscheidene Rolle spielt. Dies hat nichts mit Gegensatz oder Konflikt zu tun, was in der westlichen Denkweise stark verwurzelt ist, sondern beinhaltet vielmehr die Vorstellung, dass verschiedene Aspekte nur Teile eines Ganzen sind.4So würde man nicht Leben und Tod als gegensätzliche Kräfte ansehen, sondern geboren werden und sterben als Teil des Lebens, ohne das Eine würde es das Andere nicht geben. Vor diesem Hintergrund wird klarer das jene Menschen, vornehmlich Gelehrte und Mönche, die die Bewegungsfolgen der Kampfkünste ersannen, niemals nach außen gerichtete Effektivität zu erlangen gesucht hätten, ohne zugleich inneres Gleichgewicht zu finden.5So kann die Kata gerade in heutiger Zeit, in der der kriegerische Aspekt in den Hintergrund rückt, dazu dienen an sich selbst zu arbeiten und zu einer inneren Reife zu gelangen.

Als Wettkampfform ist die Kata ihrem ursprünglichen Sinn zweckentfremdet. Doch auch wenn eine Kata im Laufe der Zeit stark modifiziert worden ist, wird noch Einiges von ihrem Ursprünglichen enthalten sein.6 Zudem ist es völlig natürlich, dass auch das Karate im Laufe der Zeit Veränderungen unterworfen ist und sich dem Zeitgeist anpasst. Für viele Menschen steht der sportliche Aspekt und das Messen im sportlichen Wettkampf heutzutage im Vordergrund. Diese Entwicklung nahm bereits seinen Anfang kurz nachdem das Karate von Meister Funakoshi nach Japan gebracht wurde. Kenei Mabuni vertritt dabei die Ansicht eigene Wettkampfkata zu entwickeln um die Budo-Kata zu bewahren.7

Im Zentral-Dojo trainieren wir unter anderem die 27 Shotokan Kata der JKA. Dazu kommen noch einige weitere Kata wie Noshin no Heian Oyo, Gankaku Sho, Noshin no Chokyu sho und dai, diverse Okinawa Kata oder Happoren, die Sensei Foerster von seinen Lehrern erhalten und teilweise ergänzt oder verändert hat (wie z. B. Heian Oyo, eine Kata die Sensei Foerster von seinem Lehrer Taiji Kase gelernt und um einige fehlende Bewegungen der Heian Kata ergänzt hat).

Beim Ausüben der Kata wird besonderen Wert darauf gelegt, dass die Schüler den Sinn der jeweiligen Kata richtig erfassen und ihre Bewegungen verstehen. Dies kann natürlich nicht schon mit Erlernen der Kata geschehen, aber im Laufe der Zeit sollte eine Entwicklung hin in diese Richtung erfolgen. Zu diesem Zweck werden immer wieder Trainingsschwerpunkte mit Blick auf eine bestimmte Kata gelegt. Es sollte dann möglich sein die Kata in alle 4 Richtungen, omote, ura, go und ura go auszuführen. Dadurch wird das richtige Verständnis für die Kata enorm gefördert.

Dazu versuchen wir im Training dem Sinn der einzelnen Bewegungen auf den Grund zu gehen, indem mögliche Anwendungen der Kata Techniken mit dem Partner geübt werden (Bunkai Jutsu). Dabei setzt uns Sensei Foerster nicht nur irgendwelche festgelegten Anwendungen vor, sondern die Schüler werden im Gegenteil dazu ermutigt eigene Möglichkeiten der Anwendungen zu ersinnen und ins Training einfließen zu lassen. Dies hilft einen flexiblen Geist zu schulen und den Schülern die Tatsache zu verdeutlichen, dass in jeder Technik eine Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten stecken. Weiterhin wird darauf wert gelegt, dass die Anwendungen möglichst realistischen Selbstverteidigungssituationen entsprechen und sich an natürlichen Gewaltanwendungen orientieren. Bunkai Jitsu an Wettkampftechniken angewendet funktioniert nicht, da diese Techniken eine andere Zielsetzung haben, nämlich den Kampf nach festgelegten Regeln. Und das gibt es im Fall der Selbstverteidigung nicht.

Da Shinbukai wettkampffrei ist, wird beim Training der Kata auf übertriebene Ausführungen der Gesten und zu lautes Ansagen der Kata Namen verzichtet. Jede einzelne Bewegung der Kata sollte mit Kime und der richtigen Geisteshaltung ausgeführt werden. Akrobatische Sprünge können, müssen aber nicht so ausgeführt werden. Atmung und Rhythmus sollen dem Wesen der Kata entsprechen und keine Showeffekte erzeugen.

 

 

Sven

 

Quellennachweis:


1 Quelle: Wikipedia

2 Weiterführend: Heinze, Thomas: Die Meister des Karate und Kobudo Teil 1, Seelow, 2009. S. 127 ff.

3 Habersetzer, Roland: Koshiki Kata, Chemnitz 2005. S. 23.

4 Watts, Alan: Der Lauf des Wassers, 1976. S. 43 ff.

5 Habersetzer, Roland: Koshiki Kata, Chemnitz 2005. S. 29

6 Habersetzer, Roland: Koshiki Kata, Chemnitz 2005. S. 33.

7 Mabuni Kenei: Leere Hand, Chemnitz 2007. S. 118.

 

Erläuterung zu den Bildern:

Es handelt sich um Anwendungen aus der Kata Nijushiho. Diese Kata wird seit 3 Monaten im Zentral Dojo als Schwerpunkt in all ihren Einzelheiten unterrichtet. Ziel dieser Betrachtung wird eine Nijushiho Kumite Kata als Renzuko waza sein, die nicht so schnell vergessen wird, wie einzelne Bunkai Bewegungen, die schlecht über einen längeren Zeitraum im Gedächtnis zu behalten sind. Die Entwicklung des Bunkai wird als Film festgehalten, damit dieses Wissen auch anderen Shinbukai Dojo zur Verfügung steht. Diese Kumite Kata ist auch schon vor ihrem Abschluss so umfangreich, dass es kaum möglich sein wird, dieses vielschichtige Wissen Neueinsteigern auf einem einzigen Seminar zu vermitteln. Der Spruch "Eine Kata 3 Jahre" macht vor diesem Hintergrund noch mehr Sinn.

Vielen Dank an die Darsteller Zvendo und Shimonji